indogermanische Sprachen

indogermanische Sprachen
ịndogermanische Sprachen,
 
ịndoeuropäische Sprachen, Sprachfamilie, die schon zu Beginn der geschichtlichen Überlieferung über ganz Europa und große Teile Vorderasiens und Vorderindiens verbreitet war. In der Neuzeit dehnte sie ihr Gebiet über die anderen Erdteile aus.
 
Zu den indogermanischen Sprachen gehören die Kultursprachen Indiens und Irans (indoiranische Sprachen), der klassischen Antike, der Alten und der Neuen Welt. Ihre Veränderungen werden in historisch-vergleichenden Grammatiken beschrieben. Je ältere Zustände einzelner Sprachen man vergleicht, umso deutlicher treten Ähnlichkeiten in Wortschatz und Formenbildung hervor. So lassen sich Gruppen benachbarter Sprachen erkennen, aber auch Rückschlüsse auf eine früher andersartige Eingliederung und somit auf Wanderbewegungen ziehen. Das Ursprungsgebiet (»Urheimat«) der indogermanischen Grundsprache ist noch umstritten (Indogermanen). Der Beginn der Ausbreitung wird in das 4. Jahrtausend datiert. Über die Möglichkeit der Verbindung jungsteinzeitlicher Fundgruppen mit indogermanischen Sprachgruppen bestehen jedoch sehr unterschiedliche Auffassungen. Aus der historischen Verbreitung der Sprachen, aus der in diesen fassbaren (religiösen u. a.) Überlieferungen und aus geographischen Namen lassen sich Anhaltspunkte für vorgeschichtliche Nachbarschaften (auch mit nichtindogermanischen Völkern) gewinnen. Auch das häufige Aufgehen eines Altvolkes und seiner Sprache im jeweiligen Volk der Eroberer kann durch sprachliche Relikte nachgewiesen werden (Substrattheorie). Die Bedeutung der Semantik für eine indogermanische Altertumskunde wurde erst neuerdings wieder erkannt (z. B. W. Meid). So verbinden z. B. Wortgleichungen für weibliche Arbeiten und Belange das Griechische mit dem Armenischen; einen engeren Bereich - die den Frauen anvertraute Kleintierzucht - teilt auch noch das Albanische. Stilistische Mittel, die besonders dem Griechischen und dem Indischen gemeinsam sind, erlauben den Rückschluss auf eine indogermanische religiöse Dichtersprache. Besonders deutlich sind Übereinstimmungen im Grundwortschatz (so entspricht z. B. deutsch »Vater« lateinisch »pater«, griechisch »pater«, altirisch »athir«, altindisch »pitar«, tocharisch »pacar«; deutsch »sieben« entspricht lateinisch »septem«, griechisch »hepta«, altirisch »secht«, altindisch »sapta«, tocharisch »spät«, hethitisch »sipta«). Hierbei wiederholen sich die Abweichungen in der Lautform regelmäßig überall, wo die gleichen Bedingungen erfüllt sind (»ausnahmslose« Lautgesetze): anlautendes indogermanisches »p« wird im Germanischen zu »f«, im Keltischen schwindet es. Dem indogermanischen »s« im Anlaut entspricht »h« im Griechischen. Der Vokalwechsel bei deutsch »binde« und »band« kehrt im lateinischen »tego« »decke« und »toga« »Obergewand«, griechisch »demo« »baue« und »domos« »Haus«, litauisch »reñkti« »fassen« und »rankà« »Hand« wieder (Ablaut). - Neben dem Ablaut und dem (späteren) Umlaut (Vater/Väter, Mutter/Mütter) treten auch übereinstimmende Affixe in den Dienst grammatischer Formengebung, oft als einlautige Suffixe. Der Subjektkasus hat -s (z. B. lateinisch medicus), der Objektkasus -m (z. B. lateinisch medicum); die häufigste Reihe der Personalendungen (1. bis 3. Person Singular) lautet -m, -s, -t (noch im Althochdeutschen bim, bis, ist). In griechisch esti ist noch das alte (das Präsens andeutende) -i bewahrt.
 
Die ältere Ansicht, dass die indogermanischen Sprachen auseinander entwickelte Teile einer ursprünglichen Einheit seien (Stammbaumtheorie), wird ergänzt durch die Erkenntnis eines ständigen wechselseitigen Austauschs mit wellenförmiger Ausbreitung der sprachlichen Neuerungen (Wellentheorie). Bei der weiten Erstreckung, die der Siedlungsraum immer gehabt haben muss, ist - bei wachsender Entfernung - von zunehmenden Dialektunterschieden auszugehen (Theorie der »schiefen Ebene«). Der Ansicht von einer einheitlichen Grundsprache steht heute die Auffassung des Indogermanischen als einer Verschmelzung zweier Komponenten (Mischsprachentheorie) gegenüber (Indogermanistik).
 
Innerhalb der indogermanischen Sprachen hat sich frühzeitig ein Unterschied in der Wiedergabe der palatalen k-Laute herausgebildet, die zum Teil zu Zischlauten umgewandelt wurden: Das Zahlwort »hundert« hat in der (erschlossenen) indogermanischen Grundsprache k'mtom gelautet (griechisch hekaton, lateinisch centum, altirisch cét [c=k], tocharisch känt), wogegen altindisch śata, altiranisch satəm, litauisch šĩtas jüngere s-Laute zeigen; nach diesem Muster hat man lange eine Gliederung nach Kentumsprachen und Satemsprachen entsprechend der jeweiligen Wiedergabe des palatalen k im Rahmen der indogermanischen Sprachen vorgenommen. Die Reihe der Verschlusslaute gliederte man lange vierfach nach dem Vorbild des Altindischen: p, ph, b, bh. Neue Erkenntnisse führen zur Annahme von »glottalisierten« stimmlosen Lauten, bei deren Bildung ein Stimmritzenverschluss gesprengt wird: Demnach wäre schon in der indogermanischen Grundsprache p zu b geworden (ähnlich t zu d und k zu g). Derartige Verschlusslautreihen sind aus den kaukasischen Sprachen bekannt (»Glottaltheorie«). Aus den semitischen Sprachen wurde das Modell für die »Laryngaltheorie« übernommen: Demzufolge hätte die indogermanische Grundsprache Kehllaute besessen (meist geht man von drei Laryngalen aus), die in den überlieferten Sprachen geschwunden sind.
 
Die aus der Vergleichung erschlossenen Wortformen und Paradigmen der Grammatik können jedoch nicht alle auf eine zeitliche Ebene projiziert werden. Vielmehr bleibt es eine wichtige Aufgabe der Forschung, eine relative Chronologie für alle ermittelten sprachlichen Erscheinungen aufzustellen und ihre Einordnung in ein Bild der räumlichen Ausgliederung zu versuchen. Für die Abfolge der Lautgesetze gibt es eindeutige Kennzeichen: Am Beginn steht nicht die indoiranische Vokaldreiheit a/i/u, sondern die »Buntheit« der Vokale: a, e, i, o, u, denn e und o sind in den indoiranischen Sprachen zu a geworden.
 
Innerhalb der einzelnen indogermanischen Sprachgruppen gehören die indoarischen, die iranischen und die Kafirsprachen enger zusammen.
 
Innerhalb des europäischen Sprachraums waren die westlichen Sprachen (Keltisch, Germanisch, Italisch und andere zwischen diesen sowie den baltischen und slawischen Sprachen) von alters her verbunden. Das Griechische kann als Randsprache zu diesen »alteuropäischen« Sprachen angesehen werden. Die These einer weiträumigen Verbindung zwischen dem nichtindogermanischen Baskischen über die Alpen und die Balkanhalbinsel bis zum Kaukasus (iberokaukasische Hypothese) ist mangels sprachlichen Materials nicht nachweisbar. Aus morphologischen Gründen wird zum Teil die Ansicht vertreten, dass auch das Indogermanische einmal eine »Ergativsprache« gewesen sei, also wie das Baskische und die kaukasischen Sprachen für das Subjekt eines transitiven Satzes einen eigenen Kasus besessen habe (das spätere Nominativ-s), während das Subjekt des intransitiven Satzes unmarkiert war; es habe also ein typologischer Wandel stattgefunden. Entsprechend hätte es eine polypersonale Konjugation gegeben mit dem Themavokal e/o als Objektzeichen. Dies würde den Unterschied des intransitiven es-mi »ich bin« zum transitiven bher-e-ti »er trägt es«, also der athematischen und der thematischen Konjugation in einigen indogermanischen Sprachen, erklären. Zu den verschiedenen indogermanischen Sprachen vergleiche die entsprechenden Einzelartikel. (Indogermanistik)
 
 
K. Brugmann u. B. Delbrück: Grundr. der vergleichenden Gramm. der i. S., 5 Bde. in 9 Tlen. (21893-1930, Nachdr. 1967);
 K. Brugmann: Kurze vergleichende Gramm. der i. S. (Straßburg 1904, Nachdr. 1970);
 O. Schrader: Sprachvergleichung u. Urgesch., 2 Bde. in 3 Tlen. (31906-07, Nachdr. 1980);
 A. Meillet: Einf. in die vergleichende Gramm. der i. S. (1909);
 H. Hirt: Indogerman. Gramm., 7 Bde. (1921-37);
 A. Walde u. J. Pokorny: Vergleichendes Wb. der i. S., 3 Bde. (1926-32);
 E. Kieckers: Einf. in die indogerman. Sprachwiss. (1933);
 V. Pisani: Geolinguistica e indoeuropeo (Rom 1940);
 W. Porzig: Die Gliederung des indogerman. Sprachgebiets (1954);
 P. Hartmann: Unters. zur allgemeinen Gramm., Bd. 2: Zur Typologie des Indogerman. (1956);
 J. Pokorny: Indogerman. etymolog. Wb., 2 Bde. (Bern 1959-69);
 C. D. Buck: A dictionary of selected synonyms in the principal Indo-European languages (Chicago, Ill., 21965);
 
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 H. Krahe: Indogerman. Sprachwiss., 2 Bde. (51966-69);
 
Indogerman. Gramm., begr. v. J. Kuryłowicz, hg. v. M. Mayrhofer, auf mehrere Bde. ber. (1968 ff.);
 Wolfgang P. Schmid: Alteuropäisch u. Indogerman. (1968);
 V. I. Georgiev: Introduction to the history of the Indo-European languages (a. d. Bulgar., Sofia 31981);
 T. Simenschy u. G. Ivănescu: Grammatica comparată a limbilor indoeuropene (Bukarest 1981);
 
Problemi di sostrato nelle lingue indoeuropee, hg. v. E. Campanile (Pisa 1983);
 T. V. Gamkrelidze u. V. V. Ivanov: Indoevropejskij jazyki indoevropejcy, 2 Bde. (Tiflis 1984);
 H. Krahe: Indogerman. Sprachwiss., 2 Bde. in 1 Bd. (61985);
 
Entstehung von Sprachen u. Völkern. Glotto- u. ethnogenet. Aspekte europ. Sprachen, hg. v. P. S. Ureland (1985);
 
Języki indoeuropejskie, hg. v. L. Bednarczuk (Warschau 1986);
 C. D. Buck: A dictionary of selected synonyms in the principal Indo-European languages (Neudr. Chicago, Ill., 1992).
 
Zeitschriften: Bulletin de la Société de linguistique de Paris (Paris 1869 ff.); Indogerman. Forsch. (1892 ff.); Glotta (1909 ff.); Language. Journal of the Linguistic Society of America (Baltimore, Md., 1925 ff.); Norsk Tidskrift for Sprogvidenskab (Oslo 1928 ff.); Journal of Indo-European Studies (Hattiesburg, Miss., 1973 ff.); Histor. Sprachforsch., Jg. 101 (1988 ff.; Vorgänger seit 1852 unter verschiedenen Titeln).
 
Weitere Literatur: Indogermanen.
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Sprache: Varietäten, Familien, Stämme
 

Universal-Lexikon. 2012.

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